Offener Brief von Dierk Schäfer an Jürgen Gohde
Bad Boll, den 12. April 2006
Herrn Präsident Dr. h.c. Jürgen Gohde Diakonisches Werk
Sehr geehrter Herr Präsident,
vor knapp einem Monat habe ich mich in der Heimkinder-Sache an Sie gewendet. Ein Zufallsfund gibt mir Anlaß, Ihnen noch einmal zu schreiben.
Der epd meldete, Sie wollten, daß die Mißstände in den Nachkriegs-Heimen umfassend aufgearbeitet werden.
Dazu gehört auch eine Neubewertung des Wirkens von Johann Hinrich Wichern, der ohnehin schon in dieser Diskussion mit Äußerungen zitiert wurde, die nicht zum Bild paßten, das man in seinem Theologiestudium (vom Religionsunterricht abgesehen) von ihm bekommen hat. In meinem Zufallsfund geht es zwar nicht um Heime, sondern um das Gefängnis in Moabit. RGG und TRE schreiben, daß Wichern mit seinen Gefängnis-Reformvorstellungen gescheitert sei. Über die Gründe erfährt man dort nichts. Wenn der Verfasser meiner Fundstelle recht hat, hielten die Abgeordneten des Preußischen Landtages, denen man wohl keine „Humanitätsduselei“ gegenüber Strafgefangenen unterstellen darf, die Maßnahmen Wicherns und seiner „Brüder“ für unmenschlich.
Dies wirft Fragen nach den Konzepten des Rauhen Hauses auch für die Heimerziehung auf, die der Aufarbeitung ebenso bedürfen, wie die Frage, ob der Rettungshausgedanke nicht letztlich eine Spielart von Fundamentalismus ist, der die persönlichen Belange der zu Rettenden eher vernachlässigt oder ihnen gar brutal (aus „höherer“ Sicht) zuwiderhandelt. Gewiß war Wichern ein Kind seiner Zeit und wie wir, die Kinder unserer Zeit, einmal beurteilt werden, steht noch dahin. Doch durch die aufgekommene Diskussion, die – nach meinem Eindruck in den Medien – nur sehr widerwillig aufgenommen wurde, steht das Ansehen der Kirche (Kirche als „Dachmarke“ für beide Großkirchen und deren Institutionen) auf dem Spiel. Es gibt Beispiele aus frischer Vergangenheit, wie angemessen oder schädigend manche Firmen mit geschichtlicher Schuld oder aktuellen „Pannen“ umgehen. Nachdem Herr Wensierski die Öffentlichkeit mit seinem Buch gefunden und alarmiert hat, werden die Kirchen angemessene Formen finden müssen, um ihre Vergangenheit – die in den Heimkindern weiterlebt – und ihre davon abgehobene Praxis in der Gegenwart der Öffentlichkeit glaubwürdig zu kommunizieren. Die Behandlung der Probleme auf lokaler Ebene ist zwar essentiell für die Betroffenen, reicht aber nicht aus, um den „Image-Schaden“ der Kirchen zu beheben.
Als meinen Beitrag zur Aufarbeitung schicke ich dem Ratsvorsitzenden der EKD eine Kopie meines Schreibens und seiner Anlage und stelle beides auch dem Verein ehemaliger Heimkinder e. V. zur Verfügung.
Mit freundlichem Gruß Dierk Schäfer
Studienleiter in der Evangelische Akademie Bad Boll
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