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Schläge im Namen des Herrn
Das verdrängte Schicksal der Heimkinder
in der Bundesrepublik

Buchcover

ISBN 342105892X
ca.240 Seiten mit Abbildungen

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Erste Reaktionen auf das Buch im Februar 2006
- evangelische Trägerverbände
- ev.Akademie Bad Boll
- Bischof Huber
- Diakonie Bayern
- Dierk Schäfer, ev. Akademie Bad Boll
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- Wittekindshof
- Bethanien-Schwestern
- Deutschlandradio Kultur
- Sendung vom 15.2.2006

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Elfriede Schreyer und Sohn

Elfriede Schreyer und ihr Sohn

Kalmenhof

Der Kalmenhof in Idstein /Hessen

Interview mit Gertrud Zovkic über ihre Petition

Frage: Sie kennen den Fall von Elfriede Schreyer aus der Zeit ihrer Arbeit im Kalmenhof.
Das war Ende der 60er Jahre. Was ist das Besondere an diesem Fall?


Zovkic: Das Besondere am Fall Elfriede Schreyer ist, dass diese Frau als Imbezill (Schwachsinn mittleren Grades) von den Psychiatern im 3. Reich abgestempelt wurde und 1943 in den Kalmenhof, einer damals sog, Idiotenanstalt, eingewiesen wurde. Der Kalmenhof galt damals als Euthanasie- Anstalt und die Mehrzahl der dort untergebrachten Kinder wurden als sog, Ballastexistenzen umgebracht.Vermutlich schreckte man vor dieser letzten Konsequenz im Fall Elfriede Schreyer nur deshalb zurück, weil Elfriede Schreyer im Grunde genommen sich recht anstellig zeigte und Menschen, die mit Ihr unmittelbar zu tun hatten, spürten, dass sie garnicht so dumm ist. Vieles spricht dafür, dass Elfriede an einer sog. Lese-Rechtschreibschwäche litt, und deshalb Schulschwierigkeiten hatte, also aus heutiger Sicht eine Lernbehinderung hatte, die durch spezielle Fördermethoden zu beheben wäre, aber damals als Schwachsinn verkannt wurde.
Nach Kriegsende war Elfriede 13 Jahre alt und man hätte nunmehr durch eine gezielte Förderung im schulischen Bereich soweit fördern können, dass sie hätte einen einfachen Beruf erlernen und ein Leben außerhalb der Anstalt hätte aufbauen können.
Dies geschah jedoch nicht. Vielmehr behielt man sie mit der Begründung, sie sei schwachsinnig, im Heim fest, nutzte ihre Arbeitskraft aus, hinderte sie sogar daran zu heiraten, hielt sie praktisch wie eine Sklavin, die alles machen mußte, keinen Verdienst und keinen Ausgang hatte und schwer bestraft und gedemütigt wurde, wenn sie Kontakt zu Männern hatte. Daran änderte sich nichts bis 1970. Nachdem ich damals ein neues psychologisches Gutachten über Elfriede Schreyer erstellt hatte, in dem die Diagnose !Schwachsinn mittleren Grades" widerlegt wurde, wurde sie an eine Außenstelle vermittelt. Mein Gutachten hatte jedoch den Unmut des Heimleiters erregt, der deswegen meine Kündigung verlangte. Man sieht daraus, dass es darum ging, die Arbeitskraft von Frau Schreyer für das Heim zu erhalten und sie weiterhin als Leibeigene zu behalten. Ich betrachte den Fall Heimunterbringung von Elfried Schreyer rückblickend als eine Form der Sklaverei.

Frage: Sie haben als Psychologin in hessischen und anderen Erziehungsheimen gearbeitet - was sind ihre wesentlichen Erfahrungen aus diese Arbeit damals?

Zovkic: Ich habe von Januar 1966- bis September 1970 als Psychologin im damals sog. Heilerziehungsheim Kalmenhof gearbeitet. Zu der Zeit lebten dort weit über 500 Heiminsassen, Kinder, Jugendliche und ein paar ältere Frauen und Männer, die alle einer besonderen pädagogisch psychologischen Betreuung bedurften, die aber nicht stattfand, denn das Heim arbeitete im wesentlichen mit völlig unausgebildeten Kräften, die zum Teil noch aus der Zeit des dritten Reiches stammten. Der Ton und die Art und Weise, wie man den Schützlingen begegnete, erinnerten an eine riesige Kaserne, wo militärischer Drill und eine Pädogogik der harten Hand, also Prügel und andere Strafen für Ordnung und Ruhe garantierten.
Die meisten Erzieher boykottierten schon im Vorfeld die Einstellung einer Psychologin denn man fürchtete, dass eine Psychologin neue Methoden einführen würde, die man strikt ablehnte.
Ich wurde dennoch vom Landeswohlfahrtsverband LWV, übrigens als erste Psychologin im ganzen Verband, eingestellt. Doch dann war ich völlig alleingelassen. Ich erkannte, dass die Schutzbefohlenen dringend therapeutische und heilpädagogische Hilfen brauchen, die ich allein , in einer so von Zwang und Gewalt geprägten Heimordnung nicht geben konnte. Fast alles lief jeglichen pädagogischen Belangen zuwider. Natürlich suchte ich zunächst Hilfe bei den Vorgesetzten, wie Heimleiter und den Dezernenten des LWV in Kassel, aber nichts geschah.
Ich merkte sehr schnell, dass man mich lediglich als Alibi für eine moderne Erziehung eingestellt hatte, aber im Grunde genommen an der Basis und den Strukturen nichts ändern wollte. Innerhalb der vier Jahre meiner Tätigkeit fand ich zwar in dem damaligen Erziehungsleiter und einer Sozialarbeiterin Verbündete für die Vision und Planung einer modernen Heimerziehung, aber wir waren zu schwach, um ohne Hilfe von aussen den mächtigen, in bürokratischen Strukturen erstarrten Landeswohlfahrtsverband zu bewegen.
Als dann 1969 diese Hilfe durch Kontakte mit Jungsozialisten und linken Studenten kam, und sich durch die “Heimkampagne” der Studenten auch das Interesse der Medien regte, nahm ich in meiner Verzweiflung diese Hilfen an. Der LWV hatte mir daraufhin die Arbeit im Kalmenhof gekündigt.
Erst unter dem anhaltenden Druck der dann anlaufenden Berichterstattung in den Medien und den Interventionen humanistischer Gruppierungen im Hessischen Landtag begann der LWV langsam einzusehen, dass Reformen in der Heimerziehung dringend notwendig waren und nicht länger verschleppt werden konnten.

Frage: Kann das Unrecht an den betroffenen Menschen heute überhaupt noch wieder gut gemacht werden?

Zovkic: Die Menschen, die längere Zeit im Kalmenhof gelebt haben, sind durch die Erziehung in den Jahren von 1946 bis in die siebziger Jahre nachhaltig traumatisiert und geschädigt worden. Je jünger sie waren, um so tiefgehender sind die irreparablen seelischen Schäden, die sie davon getragen haben. Solche tiefgehenden traumatischen Schäden sind letztendlich kaum wieder gut zu machen. Aber man muss den ehemaligen Heimkindern jetzt helfen, da sind die ehemals Verantwortlichen für diese Heime heute dringend gefordert. Frau Schreyer könnte eine Anerkennung als Opfer und eine Wiedergutmachung noch zu ihren Lebzeiten erleben! Das wäre auch ein Zeichen für eine glaubwürdige Politik heute und dafür, dass man aus seinen Fehlern lernt und sich eine solche öffentliche “Erziehung” nie wiederholen darf.

 

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